Religion in der Mongolei

Politische Themen zur Mongolei.

Religion in der Mongolei

Neuer Beitragvon Jens Geu » So, 6. Januar 2002, 18:17

Ich möchte einfach die Frage stellen, ist ein erstarken der Religion in der Mongolei nützlich und wünschenswert oder eher kontraproduktiv im Sinne einer gesellschaftlichen Entwicklung. Westliche Medien begrüßen ein erstarken der Religion in der Mongolei uneingeschränkt, aber meiner Ansicht nach nur aus einer oberflächlichen Freude an der Exotik und als ein Beweis für den Bruch mit sozialistischen Traditionen. Ich habe da aber so meine Probleme, denn die Situation der religiös überprägten Mongolei vor der Revolution war ja nun beim besten Willen nicht rosig. Praktisch war die Nationalität kurz vor dem Ende ihres eigenständigen Bestehens.
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Neuer Beitragvon Eike » Sa, 12. Januar 2002, 23:57

Hallo Jens,
Informativ fand ich die Bemerkungen von Larsen zum Thema Religion. Larsen, der legendäre "Herzog der Mongolei" war ein Schwede, der seit etwa 1890 bis nach dem zweiten Weltkrieg in der Mongolei missionierte, als Ingenieur arbeitet und Pferde züchtete. Er macht aus der schädlichen Wirkung des Lamaismus auf die mongolischen Verhältnisse keinen Hehl: Die Lamas hätten insbesondere die Syphilis verbreitet und ansonsten nichts positives geleistet.
Zu Larsen: Sowohl Hedin als auch Haslund-Kristensen, aber auch Mühlenweg (Auf dem Pfad der Nachdenklichkeit) hätten ohne Larsens Hilfe kaum ihre Mongoleireisen bestreiten können.
Schade, daß die Bücher meist nur noch antiquarisch zu haben sind. Am besten über http://www.zvab.de forschen und MONGOLEI als Suchstichwort eingeben.

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Re: Religion in der Mongolei

Neuer Beitragvon Khublai » Mo, 30. März 2009, 19:55

Neuester Trend in der Mongolei ist der Schmanismus, Lamaismus ist wahrscheinlich schon wieder zu langweilig und zu unspektakulär.
Da werden ganz nomale Leute aus der Stadtbevölkerung auf einmal zu wilden Schamanen mit übersinnlichen Fähigkeiten und mittelalterlichen Ritualen, Hokuspokus pur, allerdings meist gegen Bares. Natürlich auch wieder, zumindest indirekt, gefördert von europäischen Esoterikern, die dort solche Erlebnisse suchen und auch finden wollen.
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Re: Religion in der Mongolei

Neuer Beitragvon Meinungstester » So, 28. März 2010, 14:35

Die oben genannte Tendenz ist unübersehbar. Buddhismus, genauer gesagt der Lamaismus ist in der heutigen Mongolei auf dem Rückzug, der Schamanismus ergreift weite Teile der Gesellschaft. Stadtschamanen nutzen alle modernen Kommunikationswege um ihre Theorien zu verbreiten. Künstler, Politiker und viele Leute aus der städtischen Mittelschicht sind in den letzten Monaten zu Schamanen geworden. Der Prozess geht relativ schnell, da nach einem klassischen Schneeballprinzip ein neuerkorener Schamane bald, zwei, drei weitere Personen aus seinem Bekanntenkreis ermittelt, die dann ebenfalls zu Schamanen werden. Für die ist der erstere dann eine Art Lehrmeister dem man weitgehend auch im privaten Leben folgt. Ein Sektenprinzip in dem jeder selbst zum Führer werden kann.
Kombiniert ist dieser "modernisierte" Schamanismus mit Hoffnungstheorien auf Erfolge im privaten und wirtschaftlichen Bereich, deshalb sind auch gerade viele Kleinstunternehmer unter den Neuschamanen, denen die postiven Schutzgeister Erfolg im Geschäft versprechen.
Die Entwicklung geht auch so rasant, weil die lamaistische Amtskirche in der Mongolei zum Einen sehr schwach ist und zum Anderen sich auch einer Vielzahl von Ritualen bedient hat, die eigentlich dem Schamanismus entlehnt worden. Es gab keine klaren Regeln, keine Aufsicht über das tun der Mönche und Klöster und keine wirklich philosophische Diskussion. Klosterarbeit war Ablasshandel, Gebetsdienstleistungen gegen Geld und Beschäftigung mit sich selbst.
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Re: Religion in der Mongolei

Neuer Beitragvon Christina » Mo, 7. Juni 2010, 22:26

Ich finde es schwer, überhaupt zu beurteilen, was bei dem Glauben, den manche Mongolen haben, buddhistisch und was schamanisch ist. Für mich sieht es so aus, als ob sich alles durchdrungen hat. Der Buddhismus ist ja erst verhältnismäßig spät in die Mongolei gekommen. Und Tibet, wo der Vajrayana-Buddhismus her stammt, war vor dem Buddhismus auch schmanistisch (Bön-Religion).

Ich denke, Leute im Westen haben eher ein anderes Verständnis vom Buddhismus. Sie begreifen den Buddhismus vorrangig als eine Art Philosophie, weniger als Religion. Ich selbst bin sehr kritisch, wenn mir jemand etwas von buddhistischen Ritualen erzählt, stelle dann die "Warum-und wozu"-Frage. Und es befremdet mich, wenn mir jemand, der sich Buddhist nennt, entweder keine oder nur eine sehr vage Antwort geben kann, etwas wie "Das schützt vor Unglück" oder "Das ist einfach so/ Das macht man einfach so". Was buddhistische Philosophie betrifft, hab ich mir auch gehofft, mehr Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Manche Leute machen regelmäßig Rituale, aber können mir wenig zu buddhistischer Philosophie/Lehre sagen. Bin schon etwas enttäuscht davon. Außerdem denke ich, dass so mancher Aberglaube ("gute" und "schlechte" Tage für bestimmte Tätigkeiten, Abneigung gegen Katzen als "schlechte Tiere" etc.) wahrscheinlich schamanistisch ist, aber als buddhistisch interpretiert wird. Oder irre ich mich da?
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Re: Religion in der Mongolei

Neuer Beitragvon Khublai » Di, 8. Juni 2010, 15:40

Eine besondere Philosphie wirst Du im mongolischen Lamaismus kaum entdecken, es geht hauptsächlich darum kleine Opfer zu bringen und dafür als Gegenleistung wirtschaftlichen Erfolg, persönliches Glück oder Gesundheit zu erhalten.
Mittlerweile hat aber der Schamanismus in der Mongolei wieder die Oberhand gewonnen und der besteht ja nun aus Aberglauben und bizarren Ritualen. Man schätzt, das schon 10 Prozent der Bevölkerung von UB praktizierende Schamanen sind. Da sitzen eigentlich ganz normale Leute in ihren Plattenbauwohnungen und trommeln sich halb schwindlig und glauben dann für ein paar Minuten in die Person ihres Großvaters oder eines alten Geistes verfallen zu sein. Ein ganzes Schneiderhandwerk lebt mittlerweile gut davon laufend neue Phantasiekostüme zu horrenden Preisen anzufertigen. Kunterbunte Gewänder, die in jedem Kostümfest erste Preise gewinnen würden. Der Schamanismus ist so genau die richtige Religion für die Mongolei, warum soll man jeden Tag früh aufstehen und arbeiten gehen, wenn man einfach abends ein bissel trommelt und tanzt und dann wird alles gut. Einziger Vorteil, wahrscheinlich wird derzeit deutlich mehr Wodka bei schamanischen Ritualen geopfert als getrunken. Sonst ist die Entwicklung aber mehr als nur bedenklich.
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Re: Religion in der Mongolei

Neuer Beitragvon Christina » Fr, 13. August 2010, 17:25

Vom Schamanismus halte ich nicht viel. Für mich sieht das nach einer Kombination von Aberglauben, Naturverbundenheit und Ahnenkult aus. Gegen Naturverbundenheit an sich hab ich nichts. Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit halte ich für sehr wichtig. Abgesehen davon lässt sich das auch gut mit buddhistischer Lehre vereinbaren: Vergänglichkeit wird akzeptiert, aber man bemüht sich, die Vergänglichkeit nicht noch durch einen gedankenlosen und materialistischen Lebensstil einzuladen, sondern richtet den Blick auf das Wesentliche.

Für mich stellt sich auch die Frage, was vom Buddhismus übrig bleibt, wenn die buddhistische Philosophie durch hauptsächliche Beschäftigung mit Meditation und Ritualen zur Nebensache werden sollte. Hier ein Zitat von Prof. Dr. Michael von Brück (hier im Zusammenhang mit den Kontroversen um Dorje Shugden): "Ein Buddhismus, der seine geistige Kraft zur Befreiung vom Ego verliert, mutiert zu bloßem Schamanismus oder Geisterglauben, so der Dalai Lama."
Quelle: http://info-buddhismus.de/shugden.html

Wie Buddhismus vermittelt wird, ist abhängig vom Lehrer, Schüler und der Lehrer-Schüler-Beziehung. Manche Lamas beginnen damit, zunächst die Meditation zu vermitteln und hoffen, dass dadurch beim Schüler ein Geisteszustand erreicht wird, der die Aufnahme und das tiefere Verständnis der Philosophie fördert. Das brigt natürlich das Risiko, dass die Philosophie nicht tiefgründig verstanden und somit zur Nebensache wird. Andere Lamas lehren zuerst die Philosophie als Grundlage und dann Meditation als Mittel zur Umsetzung. Da fällt es mir manchmal gar nicht so einfach, mich mit Mongolen über den Buddhismus auszutauschen, nicht nur, weil die Begriffe anders sind.
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